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Nicht einsam sterben Lesung mit Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf
Eindrucksvoll, lebhaft und praxisnah berichtete Henning Scherf im vollbesetzten Ratssaal der Stadt Twistringen über seine Erfahrungen aus Deutschlands berühmtester Alters-WG in Bremen. Postpubertäre Romantiker wurden Scherf und seine Frau Luise von ihren Kindern genannt. Das Projekt Alters-WG kann nicht funktionieren warnten sie vor 21 Jahren ihre Eltern. Weit gefehlt - seit längerer Zeit schon leben und wohnen sie in Bremens Innenstadt in einer Alters-WG. Mit etwas Verspätung kam Scherf im Twistringer Rathaus an. Nachdem er seinen Zug verpasst hatte, musste er noch um das WG-Auto kämpfen. Der hochgewachsene 71 jährige Jurist, ehemalige Richter sowie Ex-Bildungs- und Justizsenator in Bremen betrat mit Elan den Ratssaal. Bürgermeister Karl Meyer begrüßte seinen Kollegen und bat um einen Eintrag in das “Goldene Buch” der Stadt.
Dass meine Frau Luise und in der Gemeinschaft leben dürfen, ist für mich ein großes Geschenk, schreibt Scherf in seinem Buch “Grau ist bund”. “Ich möchte Ihnen erst einmal etwas von mir und meinem Buch erzählen und dann Ihre Fragen beantworten”, leitete Scherf, Bürgermeister und Senatspräsident von 1995-2005, seinen Vortrag ein. In den folgenden zweieinhalb Stunden berichtete er über seine Erfahrung mit dem Altern. Leider wird das Alter immer noch als Angst- und Panikthema vermittelt. Mit diesem Thema muss endlich Schluss sein. Scherf möchte, dass Senioren sich über ihre Chancen, etwas sinnvolles und erfüllendes nach dem Berufsleben zu tun, bewusst sind. Es ist ein großes Geschenk, dass viele von uns anders alt werden als unsere Eltern und Großeltern und nach der Berufstätigkeit ein neues Leben beginnen dürfen. Suchen Sie sich eine Beschäftigung, damit der Alltag einen Sinn bekommt. Ehrenamtliche Aufgaben können hier hilfreich sein, Struktur in den Tag zu bringen. Es hilft nicht nur andren, sonder kann seinem eigenen Leben wieder einen Sinn geben. In fünf Abschnitten hatte er seinen Vortrag aufgebaut: Freiheiten, Notwendigkeiten, Loslassen, Hilfe benötigen und Abschied nehmen waren Themen. “Wenn ich über das Leben in einer Alters-WG berichte, muss ich auch über den Tod sprechen, da er auch zum Leben gehört”, ist sich Scherf sicher. Die Vorstellung, alleine sterben zu müssen, macht ihm Angst. In unserer WG, so hoffe ich, werde ich, wenn die Zeit gekommen ist, von der Familie und Freunden sicher gut betreut. Ursprünglich war unser Haus als Mehrgenerationenhaus geplant. “Inzwischen besteht das Stammpersonal in meiner Altersgruppe aus sechs Rentnern”, so Scherf. Selbst die kritischen Scherf-Kinder, die ihre Eltern seinerzeit als postpubertäre Romantiker bezeichneten und über unausgegorene Studententräume lästerten, sind von der Alters-WG begeistert und kommen mit ihren Kindern gerne zu Besuch. Henning Scherf forderte die Besucher auf, darüber nachzudenken, wie man selber alt werden möchte. Er selber habe nun, nach dem Ende seines Arbeitslebens, mehr Kraft neue Dinge und Aufgaben anzugehen und sich einzubringen. Seit einem Jahr spielt er nun Orgel. Sein erstes Konzert wird in Kürze stattfinden und sei schon jetzt sehr aufgeregt.
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